Musa × paradisiaca (2)

Von diesem Wirtschaftsprüfer kam auch die Idee, sich einem Massenmarkt zu eröffnen. Nicht die Bananen, vielmehr die Bananenblätter, bisher im besten Fall ein Düngeprodukt, sollten dafür verkauft werden. Im Mund gekaut gaben sie einen bananigen Geschmack ab, zu dem sich noch dazu rasch ein wonniges Völlegefühl einstellte. Ein ökologischer Sattmacher. Ideal für eine ernährungsbewusste Mittelschicht.

Für die Vermarktung entschloss man sich, einen ausländischen Fernsehfilm drehen zu lassen. Ein vor allem aus Fitnessvideos bekannter Darsteller wurde angeheurt. Auf seinem Blog berichtete er täglich über die laufenden Dreharbeiten entdeckte nebenbei, und an allen Produkt Placement Guidelines vorbei, das Bananenblattkauen und dessen bohemische, zugleich aber völlig risikolose Assoziationen mit cocakauenden Bauern. Das Einzige, dass er auf seiner Internetseite bemängelte, waren die hohen Sicherheitsvorkehrungen auf der Insel, eine Maßnahme, um eine mögliche Kontaminierung der Bananen durch den Fusarium-Pilz zu verhindern, aber gut, es gab schlimmeres als ständig an einem Sandstrand zu drehen.

Das LOHA-Magazins La dolce Vital jedoch witterte eine Geschichte zu dem neuen Produkt, das inzwischen in ersten Fitness- und Yoga-Studios erhältlich war. Die Redaktion erhielt auf weitere Anfragen aber nur eine Hochglanzbroschüre inklusive Bestellformular. Sie veröffentlichte daraufhin einen Artikel voller Fragezeichen, in der es die nachhaltige Authentizität der Blätter in Frage stellte. Wusste überhaupt jemand, unter welchen Bedingungen diese ökologischen Produkte angebaut wurden? Wurden Pestizide verwendet? Welche? Wie stand es um die Arbeiter, über deren Arbeitsbedingungen ja auch überhaupt nichts zu erfahren war? Gab es Mindestlöhne? Höchstarbeitszeiten? Altersvorsorge? Welche Regierung würde den bitte aktiv werden, gegen ein Unternehmen das praktisch einhundert Prozent der Exporte stellte? Und war diese drohende Kontamination nicht eine wunderbare Ausrede, jede interessierte Öffentlichkeit von der Insel fern zu halten? Schmeckten diese Diätblätter nicht doch sehr streng nach, nun, Bananenrepublik?

Die Banenblätter implodierten. Immer mehr Läden zogen ihre Bestellungen zurück, verweigerten die Annahme von Lieferungen, oder rühmten sich sogar explizit in ihren Auslagen, Bananenblätter so wenig zu führen wie Analogkäse. Schlimmer noch, auch der Absatz der Paradiesbananen brach merklich ein. Selbst unabhängige Prüfunternehmen, die Nadiv später auf die Insel holte und die ihm stapelweise nachhaltige Produktionsweisen und -bedingungen zertifizierten, konnten die Paradiesbanane nicht mehr retten. Sie galt mehr und mehr als ein Finanzierungsmittel einer autoritären Wirtschaftsmacht, dessen diktatorische Spitze Nadiv war.

Nadivs Verschwinden blieben im Großen ungeklärt, weder das wie noch das wohin sind bekannt. Ebenso wenig ob er bereits vom Eintreffen des Fusarium-Pilzes wusste, der binnen drei Jahren die Paradiesbananenplantagen verödete.Spätere Untersuchungen ergaben, dass er zuletzt an der hiesigen Hafenbar gesehen worden war. “Zeit,” sagte er zum Barkeeper, “das Trockensein aufzugeben.”

Musa × paradisiaca (1)

Nadivs Pflegemutter war etwas verrückt, so wie ihre eigene Eltern, die eine KFZ-Werkstatt im Münchner Osten betrieben, in dessen Hinterzimmer auch Fahrzeugscheine ersetzt wurden. Nadivs Pflegemutter entschloss sich nach ihrem Lehramtsstudium zu einem sozialen Jahr. Sie unterrichte in der einzigen Schule einer Südseeinsel, in der Obstkisten als Stuhlprovisorium herhalten mussten. Ihr Aufenthalt musste jedoch aufgrund logistischer Probleme – ihre Medikamente blieben aus – bereits zu den Zwischenzeugnissen abgebrochen werden. Wie sie, in der vollen Blüte ihres erblich belasteten Zustands, den vierjährigen Waisen Nadiv an Bord der Propellermaschine und anschließend durch zwei Zölle schmuggelte, bleibt ihr Geheimnis. Jedoch schaffe es Nadiv Dank einer Geburtsurkunde aus dem großelterlichen Hinterzimmer durch die Schule und bis an die Universität, wo er eine breitgestreute Allgemeinbildung genoss. Seinen Kommilitonen zufolge wählte er seine Studienkurse mit Hilfe einer Formel, dessen Kern ein Quotient aus Anfangszeit des Unterrichts und der Durchfallquote bildete, aber allen Kritastikern zum Trotz erwies sich seine Fächerkombination aus Biologie, Japanologie und BWL als ideale Kletterausrüstung für seinen Aufstieg in die Liste der reichsten Männer der neunziger Jahre.

In den Semesterferien 92 heuerte er auf einem Transportschiff nach Japan an,  und dort auf einem Fischkutter zu seiner Heimatinsel.Auf diesem fielen ihm erstmals die Bananen auf, größere und auch wohlschmeckendere Bananen als die ihm bisher bekannten, und endlich ein Mittel, um seinen Magen oben wie unten zu verschließen, nachdem sein Verdauungssystem seit Beginn der Reise auf Durchzug geschaltet hatte. Eine Biologiedozentin, der er nach seiner Rückkehr eine der Bananen zeigte, vermutete, dass es sich dabei um ein Exemplar der Sorte Gros Michael handelte. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war diese Sorte noch weit verbreitet, bis ein verheerender Befall durch den Fusarium-Pilz die Bananenfelder von Dole und Chiquita praktisch über Nacht ausrottete und sie auf die heute verbreitete, kleinere Bananensorte umsteigen mussten. Die Gros Michael in seiner Hand hatte wohl nur durch die Abgeschiedenheit der Insel überlebt. Ein Saurier, in einer Welt voller Bananenechsen.

Nadiv überwand seine Aquaphobie ein weiteres Mal und war noch vor Semesterbeginn wieder auf der Insel. Er vermarktete die Bananen als Luxusfrucht in den asiatischen Staaten, zu einem Kilopreis, der selbst weißen Trüffel weiter erblassen ließ. Einmal etabliert, lief die Vermarktung seiner Paradiesbanane wie von selber. Er expandierte rasch nach Russland, dessen neuer Oberschicht ein wohlschmeckender Grund gerade recht kam, ihren neuen Reichtum aus dem Fenster zu schleudern. Über den Börsencrash und die Wirtschaftskriese Anfang des neuen Jahrtausends zuckte Nadiv nicht einmal mit den Schultern, auch deshalb, weil er da gerade eine Bananenkiste in den Privatjet eines arabischen Scheichs lud. Nadivs Geschäftsmodell war krisensicherer als eine Sargzimmerei. Verwaltet von einer eigenen Abteilung des größten Wirtschaftsprüfer weltweit.

Zwischenstopp

Ich fand den kleinen Flughafen am Ende einer löchrige Asphaltstraße außerhalb von Sidney, an der Gebrauchtwagenhändler Waren geparkt hatten, die alle auf demselben japanischen Modell zu basieren schienen und denen Tuning-Werkstätten mit Spoilern, Rennstreifen und nacktem Chrom im Nachgang so etwas wie Individualität angepappt hatten. Von dort würde es weiter gehen, zum Hauptsitz meines neuen Arbeitgebers.

Wendell war allein in dem verbeultem Wellblechterminal, über dessen unsauberen Fliesen der Geruch von industriellem Putzmittels geisterte. Er zog eine Packung Fischcracker aus einem Snackautomaten. Fünf weitere lagen bereits auf dem Automatendach. Schade. Ein wenig hatte ich gehofft, mal mit einem dieser Namenspappschilder aus der Menge heraus gelotst zu werden.
“Kein Mensch will das Zeug mehr. Auch wenn da sicher nichts drin ist, was jemals Meerwasser gesehen hat.” Er warf die nächsten Münzen ein. Am Handgelenk trug er eine Rolex, gefasst in ein Plastikarmband voller milchiger Sprünge. Unter seinem halb aufgeknöpften Baumwollhemd sah ich einzelne Brusthaarstoppeln durch die bleiche Haut sprießen. “Aber statt es einfach in die Tonne zu treten, packen sie dahinter Geocaches an die du jetzt nur noch kommst wenn du vorher zehn Tüten von dem Zeug kaufst.”
Entweder war er kein Freund von Begrüßungen oder aber tatsächlich so sehr beschäftigt, dass ihm soziale Konventionen gerade entglitten waren, auch wenn ich das für unwahrscheinlich hielt. Oder es lag einfach an der Frühmorgenstimmung aus Taufeuchte und Himmelsrot, die auch mir in Kombination mit dem Jetlag zu schaffen machte. Nennen wir es Altlasten aus dem Studium, jedenfalls ist mein Körper noch immer darauf konditioniert, zu solchen Uhrzeiten automatisch einen Schlafmangel zu unterstellen und die Konzentration runterzufahren. Damals ein probates Mittel um mich vom Schreibtisch ins Bett zu bringen. Inzwischen führt es aber dazu, dass ich schon mal auf einem leeren Flughafenzubringer in Australien auf die rechte Fahrbahnseite wechsle und das erst beim Abbiegen auf den Parkplatz merke.
“Kannst dein Zeug schon reinbringen. Komm gleich nach.” Er deutete zu einem 15-Meter langen Jet auf der Rollbahn. Dann versetzte er wieder die Spirale mit den Fischcrackern in Bewegung. Durch die Scheibe war hinter zwei weiteren Tüten tatsächlich ein kleiner schwarzer Kasten zu sehen, der sich mit nach vorne drehte.

Über einen vierstufigen Haushaltstritt erreichte ich das Innere des Fliegers. Statt Sitzreihen stapelten sich bis Hinten Metallkisten, die an blank geschliffenen Wandösen festgezurrt waren. Fruchtfliegen flogen zwischen den Fensterreihen und den Natriumdampflampen. Das Ganze erinnerte mich eher an eine LKW-Ladefläche als an ein Flugzeug. Sitzplätze fand ich nur im Cockpit. Auf einer der Kisten stand ein katzengroßer Reisekäfig. Beim Nähertreten fand ich darin einen Affen, der beherzt in die Tüte mit den Fischcrackern griff als ich sie ihm hinhielt. Vielleicht nicht der schlaueste Nahrung, wie mir später klar wurde als Wendell kurz darauf die Maschine vom Rollfeld steuerte. Die Klimaanlage hatte ihr Bauplanstadium offenbar nie verlassen. Ich sollte dem Kleinen wohl auch ein wenig Wasser geben. Später. In der Luft. Wie Studentendemonstrationen zeichnet sich meine Flugangst durch eine Art gelehrte Irrationalität aus. Seit ich irgendwo mal gelesen hatte, dass Start und Landung statistisch die kritischsten Momente sind, wechselt mein Puls auf Reisehöhe wieder rasch in einen ruhigen Balladentakt.

Die Stiftung zur Förderung jungfräulicher Geburt

Seit meiner Kündigung zum Jahreswechsel versuche ich mich, tapsig, in einem urbanen Lebenswandel. Ob Diana Auslöser oder Folge dieser Entscheidung war sei dahingestellt, jedenfalls brachte sie mich am Wochenende auf das Jahresbankett einer angesagten Stiftung zur Förderung jungfräulicher Zeugung, in einen Ballsaal voller Casual Chic und diskreter Liveband, an dessen Rand der Organisator, ihr alter Freund Tom uns und sich einen Tisch freigehalten hatte. Die Haupteinladung galt wohl Diana. Frischer Single, versuchte er in letzter Zeit wieder zu beeindrucken, stieß aber auf keine Resonanz wie sie mir versicherte. Am Abend davor verlangte sie mir präventiv einen Waffenstillstand ab und ich stellte mein profanes Geplauder zur Schau, bis sie zwei Stunden später besänftigt ihre gekonnt unmondäne Bettdecke für mich anhob.
“Und diese authentische Schalfzimmerdeko, wie sind Sie nur darauf gekommen?” hauchte ich noch bevor ich ihr Apfelblütenparfüm schmeckte. Kein Anlass für eine Seifenoper. Das bekomme ich hin, einen Abend als geputzter Schatten an ihr zu kleben.
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Patholinguistische Problemstellung

Wenn man drei Monate nach einem Umzug schließlich mit den Nachbarn ins Gespräch kommt die über einem wohnen,
und sich so gut versteht, dass sie einen direkt in ihre Wohnung einladen,

wenn man dort auf dem Wohnzimmertisch die Sonntagszeitung der Frankfurter Allgemeinen liegen sieht,
und fragt ob sie diese denn geliefert bekommen, da man die FAZ selber abonniert, aber seit dem Einzug keine Sonntagsausgabe mehr erhalten hat,

wenn man die Antwort, die haben sie gekauft natürlich glaubt, auch da man ja schon mal ein Wochenende verreist war,
und am Montag noch die Samstagsausgabe im Hausflur vorgefunden hat,

wenn man dann aber am nächsten Sonntag vor die Tür geht,
und einen das erste Mal die Sonntagsausgabe ungelesen erwartet,

welches Adjektiv setzt man am Besten vor diesen Zufall,
wenn man jemandem davon erzählt?